“Den sexy Intellektuellen suchen”

Wenn Artschool-Pop sich irgendwo an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Popmusik bewegt, dann ist Diedrich Diederichsen der fleischgewordene Plot davon. Der ‘wichtigste Poptheoretiker’ im deutschsprachigen Raum, wie er immer wieder genannt wird, arbeitet seit den 80ern als Musikjournalist u. a. für Sounds und Spex. Seinen Theorien über Popmusik und Gegenöffentlichkeit stießen aber auch innerhalb der Kunst auf reges Interesse und so ist es nur konsequent, dass er jetzt als Universitätsprofessor an der Akademie der Bildenden Künste lehrt. Diederichsen kennt den Artschool-Pop also von innen.

Interview in voller Länge

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(Dauer: 12:05 Min.)

Ein Ausschnitt

Michael Schmid: Groß reüssierte der Begriff Artschool-Pop das letzte Mal in Zusammenhang mit Franz Ferdinand. Der Mythos erzählt von der Gründung der Band an der Glasgow School of Art, dabei studierte nur einer der vier (Anm.: Robert Hardy) dort. Was ist das Interessante an der Kunstakademie, oder wie würdest du den Begriff Artschool-Pop definieren?

Diedrich Diederichsen: Mir fällt als erstes der große Pete Brown ein. Pete Brown, der als Texter von Jack Bruce von Cream für viele große Kompositionen wie ‘Tales of Brave Ulysses’ oder ‘Deserted Cities of the Heart’ verantwortlich war, hatte auch eine Solokarriere. Und auf ‘Things may come, things may go, but the artschool-dance goes on forever’ beschrieb Pete Brown schon damals den Mentalitätstypus des Artschool-Pop, der sich, obwohl immer nahe an der Zeit, gegenwartsbezogen und mit künstlerischen Moden verbunden, nicht verändert.

Die Konstante ist natürlich eine Kunstakademie, die von allen disziplinierenden Institutionen ihren Studierenden die meisten Freiheiten lässt. Es könnte zwar sein, dass die aktuellen Versuche, die Hochschulen und Kunstakademien zu reformieren, dem einmal den Garaus machen, aber noch gibt es diesen Unterschied ganz massiv und ich hoffe auch, das er noch eine Weile bestehen kann. Es ist wahrscheinlich der berühmte Exzeptionalismus von Kunst, der diese Art von Kreativität begünstigt. Dass diese speziellen Konditionen und diese Freiheit sich aber besser mit Popmusik als mit klassischen Modellen der bildenden Kunst verbinden lassen, hängt wahrscheinlich mit der Idee von ‘Abhängen’ zusammen, die an Kunstakademien möglich ist: Diese Art von Wohnzimmer zu errichten und die Möglichkeit, Räume ganz anders zu besetzen, ist eigentlich sehr viel näher an der Popmusik.

Wenn das Leben mit Popmusik in der Gegenwart aber als Gegenmodell zum klassischen sich entwickelnden Künstlertypus existiert, dann ist dieses Statement von Pete Brown interessant, weil der ‘artschool dance goes on forever’, obwohl sich rundherum alles verändert.

Diese Praxis des Abhängens kennt man auch von deutschsprachigen Kunstschulen gut. Gibt’s für dich Beispiele, wo der Artschool-Pop in Deutschland oder Österreich manifest geworden ist?

Diedrich Diederichsen: Generell ist es so, dass es kaum noch Künstlerinnen oder Künstler gibt, die nicht eine mehr oder weniger aktive Beziehung zur Pop-Musik haben. Nein, das ist natürlich übertrieben. Ungefähr die Hälfte ist auf die eine oder andere Weise in der Pop-Musik aktiv und kennt sich damit aus. Pop ist für die künstlerische Praxis ein ständiges Reservoir geworden. Wenn früher Modelle der Literatur, Mythologie, etc. der Einfluss waren, dann ist es die letzten 50 Jahre die selbstgeschaffene Mythologie aus der Welt der Pop-Musik. Es gab noch eine Zeit, da war das neuartig und wurde untersucht und thematisiert – in beide Richtungen. Gustav Metzger hat ja bekanntermaßen Pete Townshed die destruction art beigebracht. Umgekehrt ließ sich Dan Graham von Jim Morrisson und Patti Smith zu seinen Arbeiten über Religion inspirieren (Anm.: Rock my Religion). Das war damals noch die Ausnahmesituation, denn wenn überhaupt, dann war der Bezugspunkt von bildender Kunst in musikalischen Welten eher die avantgardistische E-Musik, aber das hat sich eben gründlich geändert.

Dazu kommt, dass bildende Kunst sehr oft ihre performative Seite kappt, einfach weil sie von Objekten handelt. Die Leute sind aber zur Zeit wahnsinnig stark über performative Produktion und performative Kreativität sozialisiert. Die Pop-Musik kompensiert das.

Ich hab’ den Eindruck, dass man auf der Suche nach einem ganz bestimmten Typus von Künstler oder Künstlerin ist, wenn man von Artschool-Pop spricht. Da geistern zum Beispiel Ideen eines vermeintlich intellektuelleren Künstlers durch den Raum. Mit welchem KünstlerInnenbild werden wir hier konfrontiert?

Diedrich Diederichsen: Der Erste, über den das immer wieder gesagt wurde, war John Lennon, der ja innerhalb dieser Gattung ‘süße Jungs’, die die Popmusik der 60er bestritten haben, immer der ‘Intellektuelle’ war, der hin und wieder mal eine Brille trug und dadurch identifizierbar war. Lennon hatte tatsächlich eine Artschool-Vergangenheit, aber ich glaube, es geht nicht darum, den Intellektuellen zu suchen, sondern den attraktiven Intellektuellen. Der linkische Professor an der Universität ist nicht attraktiv, genauso wenig wie der public intellectual, der blöderweise mit Politikern verbunden ist. Sexy kann er oder sie nur über eine andere Definition sein.

Die Sexyness holt man sich aus der Popmusik, und dem Typus Intellektuellen, dem man eine Verbindung damit am ehesten zutraut, sind halt der Künstler oder die Künstlerin. So wird eine Schnittmenge möglich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Diedrich Diederichsen war Teil der FM4 Homebase Spezial zum Thema Artschool-Pop vom 18.12.2008

Dieser Artikel ist am 18. Dezember 2008 auf fm4.orf.at erschienen.

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