“Bleiberecht für Alle!”

“Eine menschenrechtskonforme Bleiberechtsregelung.
Wer fünf Jahre hier ist, kann bleiben.
Ein Kurswechsel in der Fremdenpolitik.”

Die zentralen Forderungen am heutigen dezentralen Aktionstags für Bewegungsfreiheit und Bleiberecht sind klar formuliert. Österreichweit versammeln sich Menschen zu Protestaktionen, deren “offiziellen Teil” ein landesweites Sesselmeer bildet. Am Ballhausplatz in Wien und an neun weiteren Orten in Österreich brachten hunderte Menschen einen Sessel, um so gegen eine “unmenschliche, menschenrechtswidrige und unvernünftige Politik” zu protestieren. NGOs wie Rotes Kreuz, Diakonie, Caritas und SOS Mitmensch fordern ein rechtstaatliches Verfahren ein, anstatt des derzeitigen humanitären Aufenthaltstitels, den die Innenministerin als Gnadenakt ohne Rechtsanspruch gewären kann oder auch nicht.

Heuer im Juni hat auch der österreichische Verfassungsgerichtshof ein solches verlangt. Darüberhinaus wollen die InitiatorInnen des heutigen Bleiberechtstages eine Reform des aktuellen Fremdenrechts. Der Aktionstag ist dezentral, sowohl was seine Durchführung als auch was die dahinterstehenden Organisationen betrifft. Antirassistische Gruppen fordern etwa über den Bleibrechtskonsens hinaus “Bewegungs- und Bleibefreiheit”. Sie richten sich gegen internationale Ausbeutungsverhältnisse und Repressionen.

Kunst und politischer Aktionismus

Die Akademie der Bildenden Künste veranstaltet am Aktionstag eine Ausstellung und Solidaritätsveranstaltung zum Thema “Illegalisierung und Bleiberecht”.

Vereint sind künstlerische und kulturelle Arbeiten, die sich mit Themen wie Migration, Bleiberecht, Rassismus oder Antirassismus beschäftigen. Das Atelierhaus der Akademie behaust ein Konglomerat aus WissenschaftlerInnen,

Kulturschaffenden, AktionIstinnen und Kulturinitiativen. Es sind die Räumlichkeiten der Klasse für (post)konzeptuelle Kunst, normalerweise werden hier künstlerische Strategien entwickelt, nicht präsentiert.

An einer weißen Wand ist der oben abgebildete, isolierte schwarze Graffiti-Tag zu sehen: “Never Raus”. Soli-T-Shirts sind auf einer Wäscheleine aufgereiht. An den Wänden hängen Ausdrucke und Plakate, am Boden liegen Aufkleber mit politischen Slogans. Der Großteil der Ausstellung sind Videoarbeiten. Marina Grzinic, die Professorin der Klasse, ist genauso Teil der Schau wie AbsolventInnen, AssistentInnen oder Initiativen.

Marissa Lobo studiert erst seit kurzem an der Akademie. Sie definiert sich nicht unbedingt als Künstlerin. Während ihrer Eröffnungsrede verliest sie gemeinsam mit den Ausstellungsbesucherinnen die Allgemeine Erklärung der Ent-Sicherung des autonomen Linzer Integrationszentrum MAIZ:

“Alle haben das Recht, Recht zu haben.
Alle haben das Recht, nicht zu arbeiten.
Niemand darf auf Kosten anderer Sicherheit genießen.”

Der Katalog umfasst 13 sehr weitreichende Forderungen. Als radikal empfindet Marissa sie nicht. Vielmehr würden sie die Realität, in der sie lebt widerspiegeln.

Ana Hoffner

Eine junge Frau sitzt auf einer Schulbank und wird für ihr Schweigen geohrfeigt. “Was ist Kunst?” war die Frage davor. Ana Hoffner greift in ihrer Performance eine Arbeit von Rasa Todosijevic aus den 60er Jahren auf. Der serbische Künstler wollte damals die Dominanz eines westlichen Kunstbetriebes offenlegen. Ana adaptiert seine Strategie, verschiebt aber den Kontext. Für sie stehen die Ohrfeigen, die sie während der Performance ertragen musste “stellvertretend für jene eines Österreichischen Nationalstaats, die permanent an Migrantinnen und Migranten ausgeteilt werden.” Die Dokumentation ihrer Arbeit ist als Video zu sehen.

Ohrfeigen, die Ana auch auch im Alltag oft zu spüren bekommt. So oft, dass sie deshalb ihren Nachnamen abgelegt hat. Früher hieß sie Ana Prvulovic. “Wenn man mit einem Namen mit ‘-ic’ aufgewachsen ist, dann wünscht man nichts mehr als ihn loszuwerden, um sämtlichen Alltagsrassismen aus dem Weg zu gehen.” Für sie ist die Namensänderung auch ein künstlerischer Akt, den sie in ihren Arbeiten thematisiert.

Die Akademie nimmt im Rahmen der Ausstellung ‘Bleiberecht für Alle’ die Rolle einer temporären Plattform für politischen Widerstand in Österreich ein. Zumindest begreifen die Studierenen ihre Universität als solche. Mit all ihren kulturellen, ökonomischen und symbolischen Ausfransungen bietet die Plattform Kunst also eine Nische, in der sich politischer Wissenschaftsbetrieb und Lehre mit politischem Aktionismus treffen können. Eine seltene Eroberung eines ‘repräsentativen Raums’.

Fotos: Lisbeth Kovacic, Michael Schmid

Ein akustischer Ausstellungs-Rundgang

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(Dauer: 3:05 Min.)

Dieser Artikel ist am 19. Oktober 2008 auf fm4.orf.at erschienen.

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