„The innere Schweinehund does not live here anymore“

Eine Trennung zwischen Freizeit und Arbeitszeit ist immer schwieriger zu ziehen. Meetings finden in lockerer Freizeitatmosphäre statt, durch mobiles Internet wird jeder Ort jederzeit zum potentiellen Produktionsort und wichtige Entscheidungen werden immer öfter beim Afterwork-Cocktail getroffen. Privat- und Berufsselbst der Wissensarbeiter_innen verschmelzen dadurch zu einem holistischen Ganzen. Diedrich Diederichsen über die Rolle, die der Wunsch nach “Intensität” dabei spielt.

Arbeit im Postfordismus

Die Strukturierung des Tages hat sich grundlegend geändert: Vor einigen Jahrzehnten hatten wir eine strikte Trennung zwischen Freizeit und Arbeitszeit. Und um dem tristen Arbeitsalltag ein Gegengewicht zu verleihen, galt es, die Freizeit möglichst aufregend und „intensiv“ zu verbringen. Wie kann man sich die emotionalen Unterschiede zwischen Arbeit und Freizeit in den frühen 1960er Jahren vorstellen?

Wer in dem Glauben arbeitete, erfolgreich sein zu können, aufsteigen zu können, wer also identifiziert war mit seiner Arbeit, musste sehen, dass er oder sie sich nicht verschwendet, sondern konzentriert auf einen bestimmten Erfolg hinarbeitet. Die Kontrolle lag bei den ranghöheren Instanzen in der Institution. Chefs mussten an der Person von außen erkennen können, wie Absicht zu Resultat führt. Im Gegensatz zu heute, wo man für einen CV Daten sammelt, die sofort lesbar sind – als Gedicht des eigenen Lebens – musste das Subjekt etwas intendieren, das dann realisiert wurde. Konzentration half dabei, Ökonomie der Kräfte.

In der Freizeit hingegen ging es darum, sich gehen zu lassen und sich genau nicht von der eigenen Intention beherrschen zu lassen. Das führte zu Erlebnissen, die erst durch das Fehlen der Kontrolle intensiv werden. Das Subjekt zieht seine konzentrierenden Kräfte ab, die Handlungen sind freigelassen, und infolgedessen passieren alle möglichen unvorhersehbaren Dinge. Zumindest werden sie als solche empfunden. Und das ist ein Ausgleich, also Freizeit. Fast eine lebensweltliche Banalität aus der Folklore des alten Kapitalismus: der angepasste, autoritätsfixierte Spießer, der die Sau rauslässt.

Diese traditionelle Aufteilung hat sich aber spätestens dann erübrigt, als Manager in den Rollenkonflikt geraten sind, in ihrem beruflichen Alltag Angebote für die Freizeit produzieren zu müssen. Man denke etwa an die frühen Werber der Madison Avenue in New York, deren Konflikte aktuell in der amerikanischen Fernsehserie “Mad Men” sehr gut beschrieben werden. Wie hat sich das Büro als traditioneller Ort immaterieller Arbeit in den siebziger Jahren verändert?

Permanente Gleichzeitigkeit von Arbeit und Exzess.
Peggy Olson und der frühe Business-Punk Don Draper in Mad Men

Die Werber mussten ja als erste anfangen, selber an Produkte zu denken, die Produkte der Intensität sein sollten. Sie mussten sozusagen Intensität versprechen. Das aber in einer Arbeitswelt, in der sie konzentriert intentional sein mussten.

Dieses Problem wird an einzelnen Personen spürbar, hat aber natürlich mit den gesamten sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen zu tun, für die die sechziger Jahre stehen. Breit durchgesetzt haben die sich allerdings erst in den siebziger oder achtziger Jahren. Die entsprechenden Veränderungen von Fordismus zu Postfordismus sind es, während denen die Intensitätsproduktion kolonisiert und industrialisiert worden ist, damit sie als Rohstoff für die Produktion eingesetzt werden konnte. Und dieser Rohstoff gehört nun nicht mehr zur Freizeit, zur Reproduktion, sondern zur Produktion.

Seit den mittleren Achtzigern wird das dann in den Berufen, die Intensitätsversprechen produzieren und dafür selber intensiv leben zu müssen meinen, auch generalstabsmäßig organisiert. In Düsseldorf telefonierte damals freitags eine Person alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch und fragte, wie viel Gramm man denn fürs Wochenende brauche. In Hamburg war es Pflicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam in irgendwelche der Agentur gehörenden Villen auf dem Land fuhren und dann irgendwelche geleiteten kommuneartigen Bhagwan-Intensitätserlebnisse hatten, um besser ihre Kreativität als Handwerkszeug, als Objekt kennen zu lernen. Das Intensitätserlebnis sollte mit der Selbstbeherrschung und dem Arbeitsalltag eine Verbindung eingehen, sich managen lassen. Heute, spätestens seit dot.com-Boom und brand eins, ist das natürlich allgemein durchgesetzt: Leute arbeiten entweder gar nicht mehr in Büros, sie führen ein prinzipiell intensives Leben, das sie als Arbeit auslegen, oder aber es ist ihnen gelungen, die nötige Kreativität so zu verdinglichen wie eine Schauspielerin oder ein Schauspieler das Weinen.

Intensität, Rausch, Verschwendung – das waren und sind wichtige Figuren der sogenannten Gegenkulturen und sind jetzt zu zentralen Vokabeln des Neoliberalismus geworden. Da stellt sich natürlich die Frage, wie wir damit umgehen? Haben wir unser Privatselbst bereits aufgegeben und stecken in der Rolle eines 360°-Vermarkters innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie?

Ja, aber dafür kriegen wir auch was. Nicht, dass ich das verteidigen will, aber wer diese Trennung zwischen Freizeitselbst und Arbeitsselbst aufgibt, kriegt eben dafür das, was die Leute so gerne haben, nämlich eine Identität. Eine widerspruchsfreie, holistische Existenz. Man ist die ganze Zeit ganz bei sich.

Diese Identität fühlt sich nicht nur intensiv, sondern sinnvoll an, hat aber die Möglichkeit verloren, mit sich selbst Verhandlung zu führen. Die für Arbeitsverhältnisse im klassischen fordistischen Kapitalismus charakteristische Möglichkeit, dass ein Gewerkschaftsselbst mit einem antreibenden Unternehmerselbst Verhandlung führt und Kompromisse erzielt, ist dann nicht mehr möglich. The innere Schweinehund does not live here anymore. Stattdessen wird das Gesamtselbst in Therapien geschickt, es stürzt ab, erlebt Depressionen oder riesige Brüche im Leben. Das kontinuierliche Verhandeln zwischen den beiden hatte natürlich auch etwas Elendes. Beide Konstruktionen von Subjektivität sind nicht besonders glorios.

Aber es ist doch ein großer Unterschied, denn damit diese klassische Binarität verschwindet, ist man sich selbst und der Identität, die man für sich herausgearbeitet hat, vollkommen ausgeliefert. Und man ist immer weniger erreichbar für Einwände – die können den notwendigen Narzissmus, den dieses holistische Selbst produziert, nicht mehr durchdringen. Man ist nicht mehr gesprächsfähig in Bezug auf sich selbst. Dieses holistische Selbst ist zwar gesprächsfähig in Bezug auf das, worauf es spezialisiert ist, und auf seine Virtuosität, kann sich selbst aber nicht mehr richtig reflektieren. Es kann nur noch richtig scheitern und Dramatisches erleben.

Dieses holistische Selbst, kann man das in der Popmusik finden? Intensität ist ja ein Begriff, der dort sehr oft vorkommt.

Je weniger es um Style, Sehen und Gesehenwerden oder um soziale Verhandlung ging, und je mehr es um holistische Erfahrung ging, desto mehr ging es um Intensität. Aber ich würde sagen, das sind zwei verschiedene Stationen. Es gibt die Intensität der Hippie- und Freejazz-Improvisation auf der einen Seite und die Intensität von Techno auf der anderen – zwei völlig verschiedene Modelle. Die soziale Bedeutung der intensiven, körperbetonten, mit Kontrollverlustmöglichkeiten und Rauschmöglichkeiten verbundenen Techno- oder Hippie-Kultur-Erfahrungen hängt immer davon ab, welchen Kontext sie gerade hervorbringen. Diese beiden kann man jetzt nicht so direkt dem Modell zuweisen, das ich vorher für die Arbeitswelt beschrieben habe. Man kann nicht sagen, Techno ist die Kultur der holistischen Ganzheitsselbste. Das wäre ein bisschen gewaltsam, denn was die einzelnen Szenen in unterschiedlichen Epochen, in unterschiedlichen Städten, in unterschiedlichen Clubs mit dieser Intensität anstellen, ist schon sehr unterschiedlich.

Was man aber sagen kann, ist, dass die klassische, songorientierte Popmusik, also die, die mit Texten operiert, eher zu dem geteilten fordistischen Selbst gehört und zu dem, was davon noch übrig ist. Da gibt es ständig Verhandlung, Selbstbeobachtung und einen Konflikt mit sich selbst: Das ist ja das Slash zwischen Singer und Songwriter. Diese Art von Popmusik erzählt von der intensiven Erfahrung, aber sie imitiert oder reproduziert sie nicht auf einer formalen oder musikalischen Ebene. Intensität ist wie in der Literatur ins Präteritum gerückt. Dadurch ist Intensität zwar präsent, aber auch die Distanzierung davon. Deswegen ist der Song heutzutage auch so obsolet, oder sagen wir: Er tendiert dazu, das zu sein.

Neben Intensität gibt’s ja auch noch andere zentrale Figuren der Popmusik, die scheinbar sehr gut zu einem System passen, das sich Neoliberalismus nennt. Authentizität fällt mir da zum Beispiel ein.

Diedrich Diederichsen ist Kulturwissenschaftler, Kritiker und Journalist. Er lehrt Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. (Bild: Lisa Rastl © Akademie der bildenden Künste Wien)

Natürlich ist Authentizität sehr gefragt in all den Arbeitsverhältnissen, in denen die Glaubwürdigkeit, die Identifiziertheit, das Engagement der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – oder der outgesourceten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – über die Qualität des Produkts entscheiden. Es ist ja im Grunde nur ein anderes Wort für die Distanzlosigkeit zwischen den Teilen des Selbsts.

In der Popmusik hat man seit Jahrzehnten eine Authentizitätsdebatte. Es gab einen primitiven Authentizismus, der nicht wusste oder wahrhaben wollte, dass Popmusik nicht die Suspension der Rolle zu bieten hatte, sondern nur ihre Thematisierung. Dann gab es einen Anti-Authentizismus, der dieses Wissen ausspielte und gestaltete. Auch das war irgendwann nicht mehr abendfüllend, aber die Debatte hat sich nicht verflüchtigt, wohl deswegen, weil die Spiele der Popmusik dadurch viel ernster geworden sind, dass sich die gesellschaftliche Realität ihr Wissen um Rollen – ihre Relativität, aber auch ihre Unentrinnbarkeit – zunutze gemacht hat: in der Castingshow und an anderen Arbeitsplätzen.

Es ist natürlich interessant, dass wir authentisch sein wollen und sollen. Das darf man nicht vergessen. Im Moment ist es, glaube ich, das unbeschwerte, frische Mädchen, das nicht auf den Mund gefallen ist. Patent und ein bisschen frech. Eigentlich eine Nachkriegsfigur: Lena Meyer-Landrut, Nora Tschirner. Die stehen für den maximalen Gegenpol zur Depression, Identität, soll das heißen, muss man geschenkt kriegen, am besten von der Natur, zusammen mit dem Mutterwitz und einer guten Figur.

Dieses Interview ist am 9. Dezember 2010 in Jungle World Nr. 49 erschienen.

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