There’s no word for pünktlich, here.

Die isländischen Bubblegum-Elektronik-Hippies FM Belfast veröffentlichen ihr Debüt.

There’s no word for pünktlich, here.

“You love being pünktlich, don’t you.” Als Árni noch klein war, hatte sein Vater beruflich in Berlin zu tun. Deshalb kennt Árni ein paar deutsche Wörter und die gängigen Klischees der österreichisch/deutschen Lebensart: “We don’t have a word for pünktlich here. That’s funny”.


Der andere Árni baut gerade eine kleine Bühne aus Holzpaletten und Teppichen. Morgen soll hier ein Konzert stattfinden. Neun Bands teilen sich den kleinen Proberaum mit Terasse in der Smidjustigurin Reykjavik. ‘Árni +1′ nennt sich der andere Árni von FM Belfast. Aus Gründen der Distinktion, denn er war jahrelang der +1 von irgendwelchen Menschen auf den Gästelisten in der Isländischen Hauptstadt. ‘Reykjaviks Electronic Mastermind’ nennt ihn der Iceland Airwaves Festival Organisator Thorsteinn Stephensen. Gar nicht unpassend, denn Árni – mit dem (für uns) etwas komplizierten Nachnamen Rúnar Hlöðversson (Plúseinn) – war in erster Linie Nerd und ist erst über seine Liebe zu klangerzeugenden Platinen zur Musik gekommen. Als Referenzen nennt er Kraftwerk, Hip Hop und Nirvana. Früher hatte er einmal Computerkurse gegeben. Den Großteil von Retro Stefson zum Beispiel hat er in Programmiersprachen unterrichtet. Jetzt wirkt er ein wenig wie der große Bruder, der seine Nase schon etwas tiefer im Musikbusiness hat als die isländische Soundparkband.

Do it yourself

Begonnen hat alles mit einer Coverversion von Technotronics Pump Up The Jam, die Árni gemeinsam mit Loa (Hlín Hjálmtýsdóttir) zu Weihnachten 2005 für Freunde gemacht hat. Ein verspielt synthetischer 60 BPM Downtempo Killer voller Zynismus und eigentlich gar nicht als Zitat aus einer anderen Zeit oder kulturelle Referenzen im System Pop gedacht. Eher als was Nettes für Freunde. Aus dem Weihnachtsgeschenk hat sich eine Band zwischen 3 und 8 Mitgliedern entwickelt. “Sometimes people are coming on stage, that we even don’t know”, erzählt Árni. Auf Tour sind sie meistens zu viert. Der Laptop ist die zentrale Steuereinheit, der Chor und ein paar Kuhglocken oder Tamburins machen den Rest. Live tritt FM Belfast in sehr klassischen meist grauen Outfits auf, wie man sie eher von PensionistInnen kennt. “We want to be taken seriously.”

Die zentrale Strategie von FM Belfast ist das Prinzip ‘Do It Yourself’. Den Proberaum wird mit 8 anderen Bands geteilt, Freunde aus dem Umfeld werden zu Konzertveranstaltern und Bookern, verlegt wird am hauseigenen Label World Champion Records. Ein weit verzweigtes Netzwerk tut sich auf in der isländischen Hauptstadt. Benni Hemm Hemm und Múm, die sich ein Proberaumabteil und den Musiker Örvar Þóreyjarson Smárason mit FM Belfast teilen, sind die bekanntesten von ihnen. Plötzlich wird’s unruhig im Proberaum. Es ist kurz vor acht. Und um acht spielen Retro Stefson in der großen Mehrzweckhalle in Reykjavik. Árni und Árni hätten gerne, dass wir mitkommen, beziehungsweise würden gerne mitgenommen werden. Wir sind die einzigen mit Auto hier.

Das Konzert in der Mehrzweckhalle entpuppt sich als pompöse Feier zum 31. Geburtstag von SÁÁ. Über tausend BesucherInnen sind gekommen, sogar der Premierminister ist da. SÁÁ ist so etwas wie die zentrale Anlaufstelle für alkoholkranke Menschen in Island. Ein paar Ansprachen später und nach Konzerten des berühmtesten isländischen Opernstars und des offiziellen Vertreters Islands beim Eurovision Songcontest sind endlich Retro Stefson auf der Bühne. “Jeder Gig zählt,” rechtfertigt Árni den bizarren Abend für die Jungs von Retro Stefson. “Sein Sohn ist der eine von GUS GUS”, Árni zeigt auf den Präsidenten von SÁÁ. Man kennt sich in Island.

It’s really simple

Musikalisch ist ein Verweis auf Kraftwerk und Nirvana gar nicht unpassend. Mit Musik, die das Golden Age in den 90er Jahren hatte, hantieren FM Belfast. Und mit der Musik, mit der sie aufgewachsen sind. Und mit unseren Vorstellungen von dieser. Dort wo Santogold und MGMT gerade im Wald aus Zeichen ihre Zelte aufgeschlagen haben, dort ergießen sich auch FM Belfasts musikalische Einfälle. Mehr als 4000 Takes liegen auf Árnis Festplatte herum. Unfertige Versatzstücke, die jederzeit zu einem größeren Ganzen arrangiert werden können. Wichtig ist dabei die Einfachheit der Produktion – ästhetisch genauso wie warenwirtschaftlich: “We can just do it. Next week we want to release something. So we just go to the store and buy empty CDs, burn them, print covers, talk to the guys with the other label, that distributes us and we send out press releases. It’s really simple.”

Die Krise

Feuerspeiende Vulkane, gleich daneben vereiste  Gletscherspalten und mittendrin eine Menge Elfen und Trolle. Das sind die Bilder, die sich auf unserer imaginären Netzhaut abgespielt haben, wenn der Name Island gefallen ist. Zumindest war das bis vor drei Wochen so. Jetzt dominiert die Finanzkrise die Berichterstattung. Der Wert der isländischen Krone hat sich innerhalb von wenigen Tagen nach dem amerikanischen Bankencrash halbiert. Die realen Auswirkungen nicht lange auf sich warten lassen: Árni hat zum Beispiel seinen Job verloren.

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(Dauer: 18 Sek.)

Und obwohl der Zynismus dieser Art in erster Line mit einer Abwehrhaltung gegenüber der isländischen Regierung zu tun hat, denen Aurtni die Finanzkrise in die Schuhe schiebt, bleibt ein realer Effekt: Die Konzentration auf die kreative Arbeit hat sich gelohnt: Das neue Album.

500 Bands hat Island übrigens zu bieten. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass das ganze Land ungefähr so viele Einwohner fasst, wie in Graz wohnen. Laut Árni, dem Mastermind von FM Belfast liegt das in erster Linie an der Langeweile, wie er mir im Proberaum in Reykjavik erzählt hat.

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(Dauer: 4:34 Min.)

Dieser Artikel ist am 4. November 2008 auf fm4.orf.at erschienen. Der Radiobeitrag wurde am gleichen Tag in der FM4 Homebase ausgestrahlt.

  • http://www.kledy.de/story.php?id=985054 kledy.de

    FM Belfast: There’s no word for pünktlich, here….

    Nach der Asche aus dem Eyjafjallajökull schickt uns Island Elektropop: FM Belfast sind auf Tour….