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Interkultur
Das Ende von Integration und Mulitikulti
Beim Thema Migration hat man sich in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten auf ein gemeinsames Schlagwort einigen können: Integration. Menschen, die in die westliche Welt einwandern, hätten sich dieser anzupassen. Die Werte, Normen und Kulturen der westlichen Nationalstaaten seien ein Garant für sozialen Frieden und Fortschritt. Diese gewachsene kulturelle Stabilität gelte es zu bewahren.
Je mehr das Konzept der Integration politisch in Stellung gebracht wird, umso stärker formiert sich die Kritik daran. Der Berliner Publizist und Rassismusforscher Mark Terkessidis etwa begreift Migration nicht als Problem, sondern als Chance. In seinem Buch “Interkultur” plädiert er für eine radikale interkulturelle Öffnung. Nur so könnten die Potenziale einer vielfältigen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden.
Deutsche Leitkultur
Seit sich der Volkswirt Thilo Sarrazin in seinem Bestseller “Deutschland schafft sich ab” mit Fragen der Migration beschäftigte, wird kein billiges Klischee mehr über Menschen mit Migrationshintergrund ausgelassen. Ein Umstand, den Terkessidis tragisch findet. Gleichzeitig verfolgt er die Debatte rund um Sarrazin mit großem Interesse. Denn in ihrem Fahrwasser wurde eine breite und ernsthafte Diskussion darüber losgetreten, ob das Konzept Integration noch sinnvoll sei.
Ausgangspunkt für das Konzept Integration ist eine zu erfüllende Norm. Ein Status Quo, auf den man sich einigen kann. Eine nationalstaatliche Identität, die die Gesellschaft zu dem macht, was sie ist. Als der CDU Politiker Friedrich Merz im Jahr 2000 ein Regelwerk für Einwanderung und Integration präsentiert, tut er dies unter dem Begriff einer so genannten “deutschen Leitkultur” – eine Art gesellschaftlicher Wertekonsens der deutschstämmigen Bevölkerung. Doch diese nationalstaatliche Identität scheint im Detail schwieriger zu definieren, als allgemein angenommen.
Der Ethnologe Jens Schneider interviewt im Jahr 2001 Personen aus der Diskurselite, wie er sie nennt – also Menschen, die in den Bereichen Medien, Politik oder Kultur arbeiten. Seine Studie zeigt, dass die Befragten das “Deutschsein” vor allem mit zwei Eigenschaften in Verbindung bringen: Zum einen assoziieren sie damit die so genannten Sekundärtugenden, also Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung oder Pflichtbewusstsein, zum anderen so etwas, wie die “deutsche Tiefe” – eine Art romantische Nachdenklichkeit in Abgrenzung zur mediterranen Leichtigkeit oder zur US-amerikanischen Oberflächlichkeit. Die Einheimischen selbst würden sich aber paradoxerweise mit diesen Kategorien gar nicht identifizieren können, so die Studie. Die Interviewten sagen: “Deutsch bedeutet tief sein”, und gleichzeitig: “Ich bin aber gar nicht tief.” Das heißt wir würden mit einer Idee von Deutschsein leben, in der die Einheimischen ihr eigenes Alltagsleben nicht mehr unterbringen können, so Terkessidis. Gleichzeitig würde aber von Menschen mit Migrationshintergrund gefordert, sich auf diese Werte hin zu integrieren.
Migration und Nationalstaat
Seit einigen Jahrzehnten befindet sich der europäische Nationalstaat in Auflösung. Er muss sich einerseits in größere Gebilde – wie die europäische Union – integrieren, andererseits verliert die staatliche Souveränität in Zeiten der wirtschaftlichen Globalisierung an Einfluss. Auch die globale Migration trägt zur Auflösung des Nationalstaates bei. Und so wird die gemeinsame Sprache oft zum letzten Refugium nationaler Identität.
Dabei sind die oft genannten Sprachdefizite aber keine Angelegenheit der Kinder mit Migrationshintergrund allein. Bei der Sprachstandsfeststellung, einem Test, den vierjährige Kinder in deutschen Kindergärten machen müssen, zeigt sich, dass auch ein Viertel der einheimischen Kinder Sprachdefizite hat. Dazu kommt, dass man die gesellschaftlichen Veränderungen in Zusammenhang mit Migration nicht mehr als Problem von Minderheiten beschreiben kann. In den großen Städten in der Bundesrepublik Deutschland sind die Kinder mit Migrationshintergrund bei den unter sechs jährigen mittlerweile in der Mehrheit. Stuttgart, Augsburg oder Heilbronn haben Anteile von Personen mit Migrationshintergrund, die bei 40 Prozent liegen. In Wien sind es 31 Prozent.
Und auch die Vorstellung, dass die Migrantinnen und Migranten irgendwann wieder “heim gehen”, wie man sie früher hatte, ist bei Migranten dritter Generation passé. Sie sind hier daheim.
Neuer interkultureller Raum
Was also fehlt ist eine neue Idee von Österreichischsein, in der alle Beteiligten ihre Erfahrung unterbringen könnten, so die Erkenntnis des Forschers. Es bräuchte eine “partizipative Idee” und vor allem eine “inklusive Idee” von Österreichischsein, in der alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes diesen Begriff durch ihre alltägliche Aktivität neu definieren. Deutsch oder österreichisch als ethnische Kategorien hätten ausgedient. Es bräuchte ein neues staatsbürgerliches Verständnis.
Für Mark Terkessidis muss dieser Umbau der Gesellschaft über die Institutionen passieren. Schulen, Kindergärten, Medien, Ämter und alle anderen Einrichtungen müssen “barrierefrei” werden, wie er das nennt. Hinterfragt werden sollen Organisationskultur, Personalbestand und materielle Gegebenheiten. Für Terkessidis ist das Herstellen von Barrierefreiheit kein Plan, den man etwa in einem Jahr umsetzt, sondern ein permanenter Prozess.
Die Personalbstände der Institutionen etwa entsprechen kaum der Realität der Einwanderungsgesellschaft. Im Bereich Medien etwa. In der deutschen Tagespresse arbeitet ungefähr ein Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Im Gegensatz dazu leben aber etwa 31 Prozent mit Migrationshintergrund in der Bundeshauptstadt Wien.
Mark Terkessidis will das Programm Interkultur ganz bewusst nicht an Ethnizität festzumachen. Daran, so der Publizist, sei Multikulturalität gescheitert. Multikulturalität wäre zu sehr auf die Herkunft der Menschen fixiert gewesen. Seinen Kulturbegriff leitet er vom englischen Cultural Studies Forscher Raymond Williams ab. Kultur ist in diesem Sinne eine Organisationsform oder ein System, das das Zusammenleben strukturell organisiert. Terkessidis ist weniger an einem Raum interessiert, in dem verschiedene Ethnien nebeneinander existieren. Sein Interesse gilt viel mehr einem völlig neuen interkulturellen Raum.
Literatur:
Mark Terkessidis: Interkultur. Berlin: Suhrkamp, 2010.
Erol Yildiz: Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource. Basel: Birkhäuser Verlag, 2008.
Jens Schneider: Deutsch sein. Das Eigene, das Fremde und die Vergangenheit im Selbstbild des vereinten Deutschland. Frankfurt/Main; New York: Campus, 2001.
Tom Holert und Mark Terkessidis: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – von Migranten und Touristen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006.
Interkultur eine Sendung mit Mark Terkessidis und Erol Yildiz ist am 14. Februar 2011 in Ö1 Dimensionen – Die Welt der Wissenschaft gelaufen. Die Sendung gibt es sieben Tage lang zum Nachhören und danach als Download.
Zum Nachhören
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(7:42 Min.)