Kapitalismus 3.0

Er hat sich gewandelt, der Kapitalismus. Er ist nicht mehr der gleiche wie damals, als die Künstler_innen und Kreativen der sechziger Jahre zur Befreiung von Langeweile und Disziplin aufriefen, als das Rockfestival zum utopischen Ort und zur Zelle einer neuen Freiheit wurde, als die Revolutionäre 1969 die staatliche Ordnung in Schulen, Fabriken und Armeen erschütterten, als der Punk kurz darauf gegen die Tristesse des Kleinbürgertums aufbegehrte und Selbstverwirklichung, Individualität und Autonomie ihren Siegeszug antraten. Das System sollte damals verändert, die knöchernen Strukturen des Industriekapitalismus zerstört und Platz für Neues geschaffen werden. In diesen Forderungen klingt bereits der (gar nicht mehr so) neue Geist des Kapitalismus an, und aus der Künstler_innenkritik der 1960er Jahre wurde die Wertordnung des Kapitalismus der 2000er Jahre.

Bild: Ryan Olke unter Creative Commons Lizenz

Das ist die These des Readers Kapitalistischer Realismus, der im Rahmen einer Ringvorlesung an der Universität Wien entstanden ist. Herausgeber Sighard Neckel knüpft damit an die Argumentation der beiden Sozialwissenschaftler_innen Luc Boltanski und Ève Chiapello an, die in ihrem Buch von 1999 den Begriff vom »neuen Geist des Kapitalismus« prägten. An drei Stationen machen sie diese Entwicklung fest: Station eins wird ins 19. Jahrhundert datiert. Die industrielle Revolution beendet die Agrargesellschaft. Mobilität, Geschwindigkeit und Kraft der Mechanik gelten als ein ungeheurer Fortschritt und bedeuten für viele eine persönliche Befreiung. Die zweite Erscheinungsform des kapitalistischen Geistes, so Sighard Neckel, repräsentiert die Zeit des schweren Industriekapitalismus mit seiner Fabrikdisziplin bis in die 1970er Jahre hinein. »Big labour«, »big capital« sind die Schlagworte dieser Zeit.

Ein neuer Geist

In den 1980er Jahren geht dieser organisierte Kapitalismus der Industriegesellschaft aber dem Ende entgegen. Er verwandelt sich in etwas Neues. Die Industrie bleibt, unsere Wirklichkeit wird aber mehr und mehr vom Dienstleistungssektor geprägt. Kommunikation und Virtuosität rücken ins Zentrum; immaterielle, geistige Arbeit ersetzt die Produktion von Objekten. Das ist der dritte Geist des Kapitalismus: Der Netzwerkkapitalismus, der global agiert, das Internet für sich nutzbar macht und auf der Schnelligkeit des Austauschs von Informationen basiert. Der Finanzkapitalismus, der sich immer mehr ablöst von der gewerblichen Güterproduktion und sich hinentwickelt zu einer Ökonomie der Zeichen. Das ist die neue Wertordnung – ihr gegenüber erscheinen die Starrheit und die Intoleranz der Industriemoderne als veraltet.

Die monotone Arbeit am Fließband, die den Kapitalismus der Vergangenheit symbolisiert, wird als Unterdrückung oder Entfremdung erfahren. Forderungen nach Selbstverwirklichung und Autonomie werden laut. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese Forderungen mittlerweile zu Voraussetzungen wurden, ohne die niemand mehr am Markt bestehen kann.

Dazu kommt, dass der Ruf der Künstler und Kreativarbeiter_innen nach mehr Autonomie zu einem Kapitalismus geführt hat, der nicht mehr nur das berufliche Selbst der Menschen betrifft. Er ist Kultur genauso wie Lebensstil geworden. Was einst eine kritische Forderung war, hat sich in eine normative Erwartung an das Verhalten der Menschen verwandelt. Sighard Neckel nennt das die »Ökonomisierung des gesamten Lebens«. Der moderne Kapitalismus der Gegenwart zeigt sich dabei äußerst flexibel. Einsprüche, Einwände und Kritik sind der Stoff für kulturelle Innovationen. Dies ist die zentrale soziologische These, auf die sich der Großteil der Aufsätze des Bandes bezieht. Verteilt auf die vier Themenbereiche Ästhetik, Ökonomisierung, Distinktion und Konsum leisten die Autorinnen und Autoren des Bandes mutige Gegenwartsdiagnosen und untersuchen die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Wirtschaft. Dabei lautet eine wesentliche Frage, ob in Kunst, Arbeitswelt, Popkultur oder Alltagspraxis überhaupt noch Spielräume für Eigensinn möglich sind. Soziologie und Kunsttheorie, zeitkritische Publizistik und politische Ökonomie, Erziehungswissenschaft und Philosophie markieren die Disziplinen, aus denen die Beiträge stammen. Diedrich Diederichsen etwa untersucht unter dem Begriff der »Nietzsche-Ökonomie« die Konjunktur von Intensität, als erstrebenswerter Zustand, der sich von der Freizeit aus in mittlerweile alle Lebensbereiche ausgebreitet habe. Cornelia Klinger entdeckt in den glatten Oberflächen eines »Kapitalismus der Bilder« paradoxe vitale Aufladung und Leblosigkeit zugleich. Isabelle Graw stellt in ihrem Beitrag fest, dass die Behauptung Kunstkritik sei stets ein Gegensatz von Markt und Kunst, heute nicht länger haltbar ist. Den »kulturellen Allesfresser« mit seiner Souveränität eines grenzüberschreitenden Geschmacks stellt Michael Parzer ins Zentrum seiner Untersuchungen und zeigt, warum die Vorliebe für Hochkultur ihre distinktive Überlegenheit verloren hat. Robert Misik fragt schließlich, wie die Kreativität und die Coolness des Pop in das Wirtschaftssystem eingespeist wurden.

Pop und Kapitalismus

Popmusik scheint generell eine wichtige Rolle für den neuen Kapitalismus zu spielen.. Sie signalisiert, so Sighard Neckel, den Abschied von einer rigiden Bedürfnisunterdrückung, hin zu einer Kultur des Hedonismus, der Lebensfreude und natürlich auch der Konsumbereitschaft. Die Popkultur, die sich selbst lange Zeit als Gegenpart zum Kapitalismus begriffen hat, bemerkt heute, dass sich diese Position eher auf die veraltete Welt der Industriegesellschaft bezieht, und dass der Marktkapitalismus der Gegenwart die Hinwendung zu einer hedonistischen Spaßkultur gut gebrauchen kann. Heute für Spaß und Party auf die Straße zu gehen, etwas erleben zu wollen: Spannung, Euphorie, Ekstase – da können die Märkte nur dankend applaudieren.

Wenn aber der moderne Kapitalismus Kritik vereinnahmt und für sich selbst nutzbar macht, wie müssen dann künstlerische und theoretische Einsprüche beschaffen sein, um diesem Paradox zu entkommen? »Kapitalismus und Kritik sind keine Gegensätze«, so Neckel, »Kritik ist kein Alleinstellungsmerkmal, das nur diejenigen haben, die sich in Distanz zum Kapitalismus bewegen, vielmehr benötigt der Kapitalismus gewissermaßen seine eigenen Formen der Kritik, um sich wandeln zu können.«

Sighard Neckel (Hg.): Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2010, 308 Seiten, 29,90 Euro

Dieser Text ist am 9. September 2010 in Jungle World Nr. 36 erschienen.

Dieser Beitrag wurde in Journalismus, Texte veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.