Normalisierung von Weiblichkeit im Pop

Missy Magazine feierte seine zehnte Ausgabe und bleibt weiter das feministische Gegengewicht im Popjournalismus. Ein Interview und Radiobeitrag mit Sonja Eismann.

Sonja Eismann, du hast 2007 mit deinem Reader “Hot Topic: Popfeminismus heute” den Begriff des Popfeminismus im deutschsprachigen Diskurs etabliert. Ein Jahr später kam das Missy Magazine auf den Markt, von dem du Mitherausgeberin und Chefredakteurin bist. Wie stark hat sich Missy dem Popfeminismus verschrieben?

Missy ist eine Zeitschrift, die damit aufräumen möchte, dass in gängigen Popkulturmagazinen immer noch der weiße heterosexuelle Mann im Vordergrund steht. Wir sind aber kein spezialistisches Theorie-Fanzine, sondern wollen relativ viele Leute erreichen. Die Themenpalette ist breiter, trotzdem steht das Schaffen von Frauen – hauptsächlich im popkulturellen Bereich – im Zentrum. Insofern ist das Fundament auf popfeministischen Prämissen gebaut, aber wir beschränken uns nicht nur darauf.

Missy wurde 2008 gegründet. Was fehlte damals in der deutschsprachigen Medienlandschaft?

Damals fehlte, dass über Pop aus einer Frauenperspektive berichtet wird. Es gab natürlich immer Frauen, über die in Popzeitschriften berichtet wird, aber wir wollten eine neue Normalität dafür schaffen. Wir wollten dieser unsichtbaren Männerquote, die im Popmagazinen herrschte oder immer noch herrscht, nämlich dass 90 bis 95 Prozent der Seiten von Männer bespielt werden dürfen, eine ganz offensive Frauenquote entgegensetzen.

Diese Quote gibt’s bei euch nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch auf Seite der Produzent_innen. Ihr habt, glaube ich, eine 100prozentige Frauenquote.

Das stimmt so nicht ganz. Wir haben keine 100prozentige Frauenquote, sondern halten es so wie die meisten anderen Musikmagazine, bloß genau umgekehrt. Bei uns sind ungefähr 80 Prozent Frauen, die schreiben, und bis zu maximal 20 Prozent Männer. Wir haben überhaupt nichts dagegen, dass Männer Beiträge liefern. Das begrüßen wir und finden es auch super, wenn Männer solidarisch sind. Wir haben auch festgestellt, dass Frauen sich viel eher an uns wenden als an andere Magazine. Ich war ja früher bei “Intro” beschäftigt, einem anderen deutschen Musikmagazin, und da hab’ ich immer viel mehr Autorenvorschläge von männlichen Schreibern bekommen. Jetzt bei Missy gibt es zwar auch ein paar Männer, aber durch unseren Fokus bewerben sich unheimlich viele Frauen, die schreiben möchten. Was mich persönlich sehr freut, weil es auch ein bisschen das Ziel von Missy ist, die Produzentinnenseite zu fördern.

Jetzt gibt’s die zehnte Ausgabe von Missy, ein großes Jubiläum. Was hat sich verändert seit dem Start und was steht drinnen?

Positiverweise hat sich verändert, dass wir tatsächlich ein ganz klitzekleines Bisschen Geld verdienen können damit. Unsere Eigenhonorare sind zwar beschämend gering, aber wir zahlen schon seit der zweiten Ausgabe Autorinnenhonorare, was uns sehr wichtig war. Wir sind selbst alle freie Autorinnen und wissen, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob man 20 Euro bekommt oder null Euro. Ansonsten hat sich verändert, dass die Redaktion von Hamburg nach Berlin umgezogen ist, es sind ein paar neue Frauen dazugekommen, wir hatten im Sommer den Relaunch, und Daniela Burger und Hedi Lusser, die wir beide sehr schätzen, machen jetzt Artdirektion und Layout. In der zehnten Ausgabe haben wir zum ersten Mal eine CD beilegen können. Das können wir wahrscheinlich nur einmal im Jahr machen, weil es doch ein erheblicher Kostenfaktor ist, aber es war uns sehr wichtig, unsere Popkulturaffinität noch einmal auszudrücken. Ansonsten haben wir uns ein bisschen wegbewegt von dem Anspruch, die weibliche Spex zu sein. Wir sind etwas Eigenes.

Sonja Eismann ist Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender- und Popkulturforschung, Journalistin und Mitbegründerin/Chefredakteurin der Zeitschrift Missy Magazine. Missy #10 mit CD ist im Zeitschriftenhandel erhältlich.

Zum Nachhören

Ein Radiobeitrag mit Sonja Eismann über die Methoden und die Entwicklung des Popfeminismus war am 17. März 2010 in FM4 Connected zu hören.

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4:47 Min.

MALMOE on the webDieses Interview ist im März 2010 in MALMOE Ausgabe 53 erschienen.