artifacts shared the assumption that ev

Dorit Margreiter anlässlich der Ausstellung “artifacts shared the assumption, that ev” von Schmid/Scholz im Rahmen der Reihe “Das Experiment” in der Wiener Secession (März/April 2001)

Michael Schmid und Christoph Scholz beschäftigen sich mit Fragen, die sich aus dem Zusammenhang von ‘Kunst’ und ‘Pop’ ergeben. Weshalb sie sich mit der Fragestellung beschäftigen, hat mehrerer Ursachen. Einer der Ausgangspunkte ist ein Objekt und nicht – wie das Thema zunächst annehmen ließe – theoretischer Herkunft. Dabei wiederum handelt es sich um eine strategische Überlegung, sich diesem Theoriekomplex anzunähern: Schmid/Scholz machten sich vor zwei Jahren zum Ziel, ohne jegliche Vorkenntnisse einen Synthesizer zu bauen, der schließlich in akribischer Kleinstarbeit und Recherche produziert wurde, wobei die Informationen fast ausschließlich aus dem Internet und von User-Groups bezogen wurde. Das fertige Produkt, das zunächst kein konkreteres Ziel verfolgte als Musikinstrument für eigene Sessions zu sein, stieß jedoch im Kunst- wie im Popumfeld auf Aufmerksamkeit und Wohlwollen. Sie schreiben:

“Der analoge Modularsynthesizer (das Objekt) befand sich bisher in verschiedensten Kontexten und wurde jeweils unterschiedlich gelesen, wobei das Objekt an sich unverändert blieb und die permanente Umdeutung der Begrifflichkeiten von den jeweiligen Gewohnheiten der Betrachtung und der räumlichen Situation abhängig war. Das Feld der unterschiedlichen Herangehensweisen und Interpretationen war überraschend breit. Uns ist es für die Betrachtung des Objekts weniger wichtig, über dessen Status als Kunst oder Pop nachzudenken. Stattdessen benutzen wir die ästhetische und historische Unterscheidung der Genres in Verbindung mit einer Vielzahl unterschiedlicher Formen der Präsentation, um der Arbeit den Status eines ‘diskursiven Objekts’ zu geben.”

Die Frage, inwieweit Begrifflichkeiten und Bedeutungszuschreibungen zeit- und kontextabhängig sind und somit immer wieder neu gedacht werden müssen, versuchen Schmid/Scholz in ihrer Arbeit auf verschiedenen Ebenen zu stellen. Die für das Grafische Kabinett erarbeitete Präsentation beinhaltet eine Zusammenstellung möglicher Antworten, die einer permanenten Revision unterliegen. Gezeigt wird ein mehrteiliges Video, das Personen aus den Feldern Kunst, Pop und Theorie befragt, aber auch die Künstler selbst in diesen Komplex mit einbindet, indem sie punktuell im Video auftauchen, ihre eigene Vorgangsweise hinterfragen und kommentieren.

Schmid/Scholz "artifacts shared the assumption that ev" Ausstellung im Rahmen der Reihe "Das Experiment" in der Secession Wien

Ausstellungskatalog: Das Experiment 1

Der Theoriekomplex Pop/Kunst wird zwar als bereits umfangreich bearbeitet erkannt, Schmid/Scholz setzen jedoch genau da an, wo das Nebeneinander der beiden Diskursfelder scheinbar selbstverständlich wird. Sie führen die Befragten, sich selbst und schließlich die BetrachterInnen des von ihnen erarbeiteten Ensembles zum Beginn der Fragestellungen zurück, die Pop und Kunst verbinden.

Die Intention, die Arbeit bewusst innerhalb des Feldes Ausstellung zu platzieren, wird durch den in das Grafische Kabinett eingelassenen ‘white cube’ verstärkt. Auch das Auftauchen der ‘Secession’ am Beginn des Videos oder das Ausstellen des Synthesizers im Klimt-Raum der Secession markieren den Ort der Präsentation.

Die Podeste, die Sockel und Sitzgelegenheit zugleich sind, und frappant an Teile der Ausstellung “Between and Including” von Renée Green erinnern, signalisieren Zufälligkeit oder formale Gleichgültigkeit, werden aber durch die Wahl des Ausstellungstitels “artifacts shared the assumption that ev” wieder ästhetisch definiert.

Schmid/Scholz (2001) Secession Wien im Rahmen der Reihe "Das Experiment" kuratierte von Dorit Margreiter

"artifacts shared the assumption that ev", Detailansicht 5.4.2001, Wiener Secession Grafisches Kabinett

Das Ende des Prozesses, der eigentlich schon vor zwei Jahren begonnen wurde, steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest und ist auch mit dem Ende der Ausstellung “Das Experiment 1″ nicht abgeschlossen. Der Verlauf konnte während der Präsentation im Grafischen Kabinett mittels einer geplanten Bildstrecke, die im Zuge des Projekts noch verändert wurde, verfolgt werden. BetrachterInnen sind aufgefordert, sich jederzeit selbst an dieser Diskussion zu beteiligen und es so voranzutreiben.

Michael Schmid und Christoph Scholz im Gespräch mit Barbara Steiner

Barbara Steiner: Stichwort Autorenschaft. Man wirft euch ja immer wieder vor, dass ihr euch in eurer Arbeit als Autoren zu sehr herausnehmt. Die Interviewten stehen mit ihren Ansichten im Vordergrund; ihr taucht als Kommentatoren auf. Wo und warum wird für euch Autorenschaft zum Problem? Und vor allem, wie positioniert ihr euch im Verhältnis zu den Interviewten?

Christoph Scholz: Die Gefahr, die wir in Zusammenhang mit Autorenschaft immer wieder sehen, ist, Geschichten zu narrativ anzulegen. klar sind wir uns auch der Probleme in Zusammenhang mit Autorschaft bewusst, schon allein aus einer historischen Sicht. Der Wunsch nach starken AutorInnen scheint sehr groß zu sein, was man auch an aktuellen Beispielen im Zusammenhang mit DJs sehr gut beobachten kann. Trotz des in der DJ-Culture fast schon strukturell verankerten Samplings oder des permanenten Zitierens etabliert sich um DJs wieder ein neuer Personenkult. Wahrscheinlich ist es in manchen Fällen mit Kuratoren oder Kuratorinnen ähnlich.

Michael Schmid: Der Schnitt des Videos war uns zu dem extrem wichtig. Erst mal haben wir versucht, in der Ästhetik Autorenschaft abzugeben, indem wir einen Kameramann beauftragt haben. Auch um nicht als Videokünstler im engeren Sinne gelesen zu werden, die ästhetische Probleme im Medium Video bearbeiten. Aber dann beim Schnitt haben wir uns wieder ganz bewusst eingeschaltet.

BS: Was waren dann für euch Kriterien beim Schneiden?

MS: Wir hatten einige Themenblocks, nach denen wir sortiert haben. Im ersten Block werden grundsätzliche Begrifflichkeiten oder Definitionen verhandelt. Fragen wie: Wo siedeln wir die beiden Felder an? Ist diese Trennung zwischen Kunst und Pop überhaupt möglich, wenn ja, wo und wie. Oder: Macht es überhaupt noch Sinn diese Trennung vorzunehmen? Im zweiten Block geht es eher um Probleme wie: der DJ in der Galerie, Imagetransfers und mögliche Distinktionsgewinne. Einerseits wurden die Fragen auf einer sehr abstrakten, theoretischen Ebene behandelt, andererseits waren Leute sehr praktisch in diese Fragen involviert: DJs und Musiker. Sie stehe wirklich in der Galerie und verkörpern ein bestimmtes Image, das dann zu einem Distinktionsgewinn für die Galerie oder diesen Kontext führen soll. Der dritte Block ist eine ‘Beispielebene’. Da erzählen die InterviewpartnerInnen über ihre eigene Arbeit oder Methodik.

CS: Ja, und der vierte Block sollte Möglichkeiten zeigen, wie ein solches ‘Crossing’ funktionieren könnte bzw. was die Eckpfeiler oder Ansatzpunkte wären, um weiterarbeiten zu können.

Schmid/Scholz Videostill Secession 2001

"artifacts shared the assumption that ev", 2001, Videostills: Anette Baldauf, Tanya Bednar, Thomas Edlinger, Justin Hoffmann, Christian Höller, Susanne Kirchmayr, Christoph Kurzmann, Patrick Pulsinger, Johannes Schweiger/Wally Salner, Michael Schmid, Christoph Scholz, Andreas Spiegl

BS: Das heißt, es gibt lose Schwerpunkte, die aber nicht markiert wurden, es gibt ja z.B. keine Inserts oder Ähnliches. Der Zusammenhang passiert über das Sprechen der Leute.

MS: Ja, und mit dieser inhaltlichen Strukturierung treten wir als Autoren wieder sehr stark in Erscheinung.

BS: Dann gibt es noch die Kommentarebene, wo ihr euch ja mitunter auch in starken Selbstzweifeln übt. Ich kann mich an eine Stelle erinnern, wo ihr sagt, dass es eigentlich ziemlich blöd sei, sich so über die Leute zu stellen, und da müsstet ihr aufpassen um keine Metaperspektive einzunehmen.

MS: So war es leider auch noch beim Rohschnitt, deshalb war die Entscheidung, uns selbst als Subjekte oder Autoren des Videos mit hineinzunehmen, absolut notwendig.

BS: Wie ist der Zusammenhang zwischen eurem selbst gebauten ‘Objekt’ und dem Video? Zuerst stand ja mal der Wunsch im Raum, einen Synthesizer nachzubauen. Und dann irgendwann war klar, mit dem ‘Ding’ – ich nenne es jetzt einfach mal Ding – soll etwas passieren, das kann man zum Musik machen verwenden, aber man kann es auch einfach nur irgendwo hinstellen und anschauen. Der Synthesizer ist natürlich ein Gegenstand, den man aus dem Pop-Bereich kennt – im Kunstbereich nur bedingt. Das sieht man im Klimt-Raum – die meisten BesucherInnen haben doch überhaupt keine Ahnung, dass da unten ein Synthesizer steht. Er ist ja auch funktionslos, en ästhetischer Gegenstand auf einem schönen weißen Sockel.

MS: Das Objekt haben wir erst einmal aus einer Fan-Perspektive gebaut. Wir beide haben uns eigentlich erst bei Konzerten richtig kennen gelernt- also im Pop-Kontext. Nach einem Konzert haben wir uns unterhalten und gesagt: So, das können wir auch.

BS: So gesehen gibt es doch einen ganz ähnlichen Ausgangspunkt für beide Arbeiten, die Wurzeln liegen in einem gemeinsamen Feld.

MS: Dieser ‘Common Sense’ wäre sozusagen ‘Popular Culture’ im weitesten Sinne.

CS: Dann eben, nach diesem einen Konzert, haben wir begonnen, Informationen zu suchen. Das erste halbe Jahr waren wir nur damit beschäftigt, im Internet Seiten zu bookmarken und uns ein Netzwerk von Informationen zu schaffen, das wir erst langsam verstehen lernten. Als der Synthesizer dann fertig war, und oft auch schon während des Bauens, haben die Leute aus unterschiedlichen Kontexten, in denen wir uns bewegen, alle irgendwie positiv auf das Ding reagiert. An diesem Erfahrungswert hat uns interessiert, wie es sein kann, dass das Ding an sich unverändert bleibt, und viele es interessant finden, aber immer aus unterschiedlichen Perspektiven heraus. Aus dem heraus haben wir dann unsere Fragestellung entwickelt, dieses Interesse an verschiedenen Rezeptionsgewohnheiten.

MS: Als wir dann mit dem Begriff des ‘diskursiven Objekts’ konfrontiert waren – nicht zuletzt auch auf Grund der Zusammenarbeit mit dir, bekam das Ding natürlich wieder neue Aspekte.

Schmid/Scholz Das Experiment 2001 Secession Wien

"artifacts shared the assumption that ev", Detailansicht 6.3.2001, Wiener Secession Grafisches Kabinett

BS: Also das Interesse an einem Objekt, das möglichst viele Auseinandersetzungen erzeugt, war geboren …

MS: Genau. Was es auch meiner Meinung nach tut. Wir finden gerade deshalb den Synthesizer sehr passend, weil er von seinem Aussehen her sehr kryptisch angelegt ist, und zumindest für Leute, die nicht direkt mit elektronischer Musik in Kontakt sind, eine Auseinandersetzung provoziert.

CS: Jetzt versuchen wir dieses Ding in möglichst unterschiedlichen Kontexten zu installieren und dort zu schauen, wie Leute darauf reagieren. Der Klimt-Raum ist einer davon.

BS: Wie sieht euer Verhältnis zur Secession aus? Also, ich meine, wenn man dieses entlang eures Themas aufzurollen versucht, dann liefert ihr ja auch einen Imagetransfer – mit euren Worten gesprochen.

CS: Ja, ich würde sagen, der Imagetransfer ist dann problematisch, wenn er einseitig passiert. Die Produktion wäre wahrscheinlich ohne Secession, oder besser, ohne das spezifische Image der Secession, in dieser Form nicht möglich gewesen. Auch bietet die Institution ein gut funktionierendes System, vor allem bezüglich einer inhaltlichen Auseinandersetzung, nur funktionieren sie nach anderen Modi. Wir haben uns bei diesem Projekt für die ‘Institution Kunst’ entschieden, um gewissen Themen zu verhandeln, werden aber genauso das Feld des ‘Populären’ bespielen, wenn es sich für andere Vorhaben besser eignet.

MS: Wir haben natürlich auch mit dem ‘symbolischen Kapital’ der Secession gespielt. Der Imagetransfer ging also nicht nur in eine Richtung. Wir wollten uns in einer möglichst analytischen Form präsentieren, bzw. möglichst ausgefeilte Standpunkte vorstellen, um ernst genommen zu werden und eben nicht den Mustern einer Jugendlichkeit oder einer ‘jungen’, ‘radikalen’ oder ‘experimentellen’ Künstlerposition zu entsprechen.

Die beiden Texte sind 2001 im Ausstellungskatalog “Das Experiment 1. Schmid/Scholz” hg. von der Secession Wien erschienen.

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